HEIDELBERGER BÜRO FÜR FAMILIENFRAGEN UND SOZIALE SICHERHEIT (HBF)

 

 PRESSEDIENST

 

Überparteilich / Verbandsunabhängig / Spendenfinanziert

 

 TRÄGER: DEUTSCHER ARBEITSKREIS FÜR FAMILIENHILFE e.V., FREIBURG/BR

 

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Tübingen März 2001

ergänzt 23.03.10

Zum Thema siehe auch:

 

Die InformationsFlut ist billig zu haben - Durchblick hat jedoch seinen Preis

 

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Dr. C. Leipert              Berlin im Februar 2001


DEMOGRAPHIE UND WIRTSCHAFT

Kinderlosigkeit als gravierendes Problem

 

"Unter den demographischen Größen, von denen die durchschnittliche Kinderzahl je Frau abhängt, ist der Prozentanteil der lebenslang kinderlosen Frauen an allen Frauen eines Jahrgangs die wichtigste" (Birg).
"Das entscheidende Ziel einer an demographischen Strukturen orientierten Politik sollte darin bestehen, die lebenslange Kinderlosigkeit zu verringern" (Birg).

Verzögerte Auswirkungen einer Erhöhung der Geburtenzahl

Die Politik muß sich unter allen Umständen – selbst wenn sie massiv umsteuert – mit den Problemen demographischer Alterung und eines Bevölkerungsrückgangs befassen.
"Die demographische Alterung ist infolge des bereits eingetretenen Geburtenrückgangs, der unausweichlich weitere große Geburtenrückgänge in der Zukunft nach sich ziehen wird, weder mit Familienpolitik noch durch Einwanderung Jüngerer aus dem Ausland zu verhindern. Sie kann nur noch gemildert, aber nicht mehr aufgehalten werden" (Birg).
Demographische Änderungen, z.B. aufgrund einer höheren Geburtenzahl jüngerer Frauen, wirken sich mit zeitlichen Verzögerungen im Altersaufbau aus: "Da sich durch den bereits eingetretenen Geburtenrückgang seit Mitte der 70er Jahre die Zahl der Geburten, also die Zahl der späteren Eltern, bereits halbiert hat, halbiert sich grob gesagt auch die Geburtenzahl in der Zukunft, - es sei denn, daß diese heute schon lebenden späteren Eltern, also unsere Kinder und Enkel, einmal nicht 1,4 Kinder, sondern deutlich über 2 Kinder haben werden. Aber auch bei einer Erhöhung der Kinderzahl pro Frau ist die Bevölkerungsschrumpfung unvermeidlich" (Birg).
"Wollte man den Anstieg des Altenquotienten allein durch die Erhöhung der Geburtenrate verhindern, wäre eine Erhöhung der Geburtenzahl pro Frau von z. Zt. rd. 1,3 auf 3,8 erforderlich" (Birg).
Nach Birg hat jedoch jede dauerhafte, auch geringfügige Steigerung der Geburtenrate positive Auswirkungen auf den zukünftigen Bevölkerungsverlauf. Also sollte(n) sie von der Politik auf jeden Fall angestrebt und Vorkehrungen zur Erreichung dieses Ziels getroffen werden. Selbst eine geringfügige Änderung der Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau auf 1,6 oder 1,7 Kinder pro Frau würde sich langfristig positiv auswirken. Die negative Dynamik der sich selbst verstärkenden Bevölkerungsschrumpfung würde dadurch gebremst, allerdings nicht aufgehalten.

Auswirkungen eines Bevölkerungsrückgangs auf die Wirtschaft bisher unzureichend erforscht

"Die Zusammenhänge zwischen Überalterung und Wirtschaftsentwicklung gelten noch als weitgehend unerforscht" (Prognos).
"Die Auswirkungen des Rückgangs der absoluten Bevölkerungszahl sind schwerer (als jene einer Änderung der Altersstruktur, C.L.) einzuschätzen, zumal die Zahl der Älteren in den nächsten Jahrzehnten noch zunimmt, während die Zahl der Jüngeren bereits schrumpft, so daß die Netto-Abnahme der Bevölkerungszahl in den nächsten 20 Jahren noch relativ gering ist. Danach ist jedoch mit einer zunehmenden Eigendynamik der Schrumpfung zu rechnen. Sie wird immer stärkere negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und dadurch indirekt auch Auswirkungen auf die Finanzierbarkeit der Sozialausgaben, z.B. durch Steuern, haben" (Birg).
"Die Wirkungen des wachstumsdämpfenden Einflusses der demographischen Entwicklung auf das Wirtschaftswachstum lassen sich nicht exakt vorausberechnen. Im Gegensatz dazu sind die Auswirkungen der zunehmenden Alterung auf die Einnahmen und Ausgaben der sozialen Sicherungssysteme klar zu überblicken" (Birg).

Auswirkungen auf Investitionen, Nachfrage und Wirtschaftswachstum

Die Stagnation bzw. der Rückgang der Bevölkerung in den kommenden 50 Jahren könnte sich als demographische Investitions- und Wachstumsbremse erweisen. Nach der Theorie von A. Hansen (amerikanischer Stagnationstheoretiker um die Mitte des 20. Jahrhunderts) schrumpfen mit der Bevölkerung die Ersatz- und Neuinvestitionen der Wirtschaft.
Wenn immer weniger Kinder geboren werden, geht die Nachfrage nach kindbezogenen Gütern und Dienstleistungen zurück, was über den wirtschaftlichen Kreislauf weitere negative Wirkungen auf Investitionen und Wirtschaftswachstum hat.
Die volkswirtschaftliche Kaufkraft wird ferner durch stark steigende Sozialausgaben (und Steuern) im Gefolge des Anstiegs des Altenquotienten negativ tangiert. Mit einem Anstieg der durchschnittlichen Konsumneigung (Anteil der Konsumausgaben am Nettoeinkommen) ist nicht zu rechnen. Eher ist mit einem Anstieg der Ersparnis aus privaten Vorsorgegründen zu rechnen. Die allgemeine Konsumneigung könnte sogar sinken, wenn das Vertrauen der Erwerbstätigen in die staatliche Rentenversicherung schwindet.
Die volkswirtschaftliche Konsumquote ist eine Schlüsselgröße der wirtschaftlichen Entwicklung. Wenn mit strukturellen Einbrüchen beim zukünftigen privaten Konsum gerechnet wird, besteht die Gefahr, daß Ersatz- und Neuinvestitionen teilweise ausbleiben (Abhängigkeit der Neuinvestitionen vom erwarteten Konsumwachstum). Dies hätte einen negativen Einfluß auf das Wirtschaftswachstum und auch auf den Produktivitätsfortschritt, da mit den Neuinvestitionen i.d.R. die modernste Technologie in den Produktionsprozeß eingeschleust wird.
Jeder Rentner entspart. Da es bedeutend mehr Rentner geben wird, wird Kapital aufgelöst werden müssen. Dieses Kapital steht in 30 Jahren nicht mehr für Investitionszwecke zur

 

Verfügung. Die Annahme, steigendes Durchschnittsalter der Bevölkerung führe zu einer geringeren Sparquote und abnehmender Kapitalbildung ist allerdings bisher nicht ausreichend empirisch belegt.
Die ältere Generation wird als Nachfragefaktor für die Wirtschaft immer wichtiger. Sie verfügt über ein beträchtliches finanzielles Potential und hohe Vermögen. Vermutlich wird die Nachfrage nach materiellen Gütern abnehmen, während Gesundheits- und soziale Dienste verstärkt in Anspruch genommen werden. Die Tertiarisierung der deutschen Wirtschaft wird sich weiter verstärken, d.h. es erfolgt eine weitere Verschiebung hin zur Bereitstellung und Erbringung von Dienstleistungen (vorausgesetzt, daß Engpässe auf dem Arbeitsmarkt beseitigt werden können).

Bevölkerungsalterung, Sozialversicherung und Produktionskosten der Wirtschaft

"Wenn die Lebenserwartung so weiter wächst wie bisher und die Geburtenhäufigkeit nicht dramatisch zunimmt, wird das System der sozialen Sicherheit schlicht zusammenbrechen, es ist dann nicht mehr reformierbar" (Birg).
"Die höchste Brisanz der Überalterung liegt naturgemäß in ihrer destabilisierenden Wirkung auf das System der sozialen Sicherung" (Prognos).
Die massive Überalterung betrifft alle Sparten der Sozialversicherung. Die Kosten der Pflegeversicherung werden durch einen Sonderfaktor speziell stark steigen: In Zukunft wird sich das Ausmaß der in den Familien erbrachten unentgeltlichen (bzw. in der Pflegeversicherung gering entgoltenen) Pflegeleistungen weiter reduzieren. Dies ist eine Spätfolge der sinkenden Kinderzahlen.
In allen Langfristprognosen wird mit einem starken Anstieg der Sozialabgaben (incl. der privaten Vorsorgeausgaben) gerechnet. Das führt einmal zu sinkenden Nettoeinkommen und einem schrumpfenden Konsumpotential der privaten Haushalte mit allen negativen Auswirkungen auf Produktion und Investitionen im Unternehmenssektor. Zum anderen treffen die steigenden Sozialabgaben auch die Unternehmen direkt. Sichtbar werden sie im Anstieg der Lohnnebenkosten und damit der Lohn- und Arbeitskosten der Unternehmen. Dies provoziert einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Insgesamt wird das Investitionsklima in der Wirtschaft geschädigt.

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Die Schrumpfung und Alterung der Gesamtbevölkerung hat massive Auswirkungen auf das Arbeitskräftepotential in der bundesdeutschen Wirtschaft. Zeitlich verzögert wird dieses ebenfalls altern und schrumpfen. Die Zahl der Arbeitskräfte nimmt aufgrund der zunehmend schwächeren Besetzung der jüngeren nachrückenden Jahrgänge zeitweilig sogar stärker ab als die Gesamtbevölkerung. Der Anteil älterer Arbeitskräfte am gesamten Arbeitskräftepotential wächst. Entsprechend erhöht sich das Durchschnittsalter der Erwerbsbevölkerung zusehens.
Bis 2020 halten Prognos-Forscher Engpässe allenfalls wegen des Mangels an jungen Arbeitskräften für möglich, denn die Zahl der älteren Beschäftigten wird zunehmen, die der

 

jüngeren massiv schrumpfen. Bis 2040 scheint ein genereller Arbeitskräftemangel bevorzustehen, mit entsprechenden Auswirkungen auf die wirtschaftliche Dynamik.
Die Alterung des Arbeitskräftepotentials wird vermutlich einen negativen Einfluß auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit – gerade in der Konkurrenz mit jüngeren Nationen wie China und Korea – haben. (Irland profitiert von einer jungen Bevölkerung; die über60jährigen werden um 2005 nur 15 Prozent – Deutschland 25 Prozent – ausmachen. In günstigem Licht erscheinen auch die USA mit gleichfalls noch junger Bevölkerung.)
In der Vergangenheit war es den Unternehmen in Europa möglich, durch den permanenten Zustrom junger Arbeitnehmer mit vergleichsweise niedrigen Einstiegseinkommen bei relativ niedrigen Kosten das jeweils neueste technische Wissen in den Produktionsprozeß zu integrieren.
In Zukunft reduziert sich die Zahl jener Arbeitskräfte, die neue Qualifikationen, Innovationsbereitschaft und jugendliche Dynamik mitbringen, in einem Tempo, für das es historisch keinen Vergleich gibt. Junge Menschen sind auch im Gegensatz zu älteren in aller Regel räumlich mobil und beruflich flexibel. Insbesondere die räumliche Mobilität geht mit zunehmendem Alter massiv zurück.
Wenn andererseits die Anforderungen an Mobilität, Flexibilität, Bereitschaft zur Weiterbildung und Umschulung zunehmen, Eigenschaften also, die man älteren Arbeitnehmern eher abspricht, sind Probleme unvermeidlich. M.a.W.: Die demographische Entwicklung läuft dem wachsenden Bedarf an flexiblen Arbeitskräften, der aus dem beschleunigten Strukturwandel resultiert, entgegen.
Es ist empirisch gut belegt, daß das Diffusionstempo technischer Neuerungen in einer Volkwirtschaft auch vom Vorhandensein gut ausgebildeter junger Menschen beeinflußt wird.

Determinanten der Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit

Belegt ist der Zusammenhang zwischen Ausbildungsstand und der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft und auch zwischen Ausbildungsstand und Innovationsfähigkeit kann ein Zusammenhang angenommen werden.
Die Zusammenhänge zwischen Humankapitalbildung durch schulische und nachschulische Ausbildung und der Leistungsfähigkeit einer Volkwirtschaft hat als erster der Nobelpreisträger Gary Becker (Universität Chicago) untersucht. Die Einbeziehung der vorgelagerten zentralen Stufe der Humanvermögensbildung in der Familie in die ökonomischen Modelle und die wirtschaftspolitische Argumentation steht allerdings noch aus.
Eine andere Frage ist, ob die älteren Menschen innovative Produkte eher meiden werden, was wiederum einen Einfluß auf die Innovationsfreudigkeit der Wirtschaft hätte.

Politikziel: Sicherung von Produktivitätsfortschritten

Ökonomen bezeichnen Produktivitätsfortschritte als optimalen ökonomischen Weg zur Bewältigung rascher demographischer Alterung. Diese können den Negativeffekt eines sinkenden Arbeitskräftepotentials absenken.

 

"Die Bedeutung des technischen Fortschritts (einschließlich Skalenerträgen) für die Beantwortung der Frage nach den langfristigen Folgen einer schrumpfenden Bevölkerung ist kaum zu überschätzen" (Felderer, bekannter deutscher Bevölkerungsökonom). In ökonometrischen Modellen werden ca. 80 bis 95 Prozent des realisierten Wirtschaftswachstums auf technischen Fortschritt (technische Neuerungen von Produktionsverfahren und von Produkten) zurückgeführt.

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SPRECHER des Büros: Kostas Petropulos - FACHBEIRAT: Wiltraud Beckenbach; Dr. Otfried Hatzold, Cycloplan, München; Christian Kennerknecht; Dr. rer. pol. Christian Leipert, Inst. für Sozialökologie (ISÖ, Bonn/Berlin), Europäisches Institut zur Aufwertung der Erziehungsarbeit (Berlin); Alfred Rollinger, Vizepräsident des Sozialgerichtes Trier a.D. und ehem. Vorsitzender Familienbund, Bistum Trier; - GESCHÄFTSSTELLE Im Eck 3, 79199 Kirchzarten, Tel: 07661-62062, Fax: -62338