Dr. Christian Leipert Berlin, im Dezember 2000

 

 

FAMILIE UND ZUKUNFT

Zwei Krisenphänomene der Familie in Deutschland bedrohen die Zukunftsperspektiven des Landes immer mehr:

1) Wir haben immer weniger Kinder. Gegenwärtig wird jede Generation nur zu ca. 2/3 ersetzt. Die niedrige Geburtenrate ist hauptursächlich für die prognostizierte Bevölkerungsschrumpfung im 21. Jahrhundert.

2) Die Kinder, die heute aufgezogen werden, weisen mehr und stärkere Erziehungs- und Entwicklungsdefizite auf als früher. Die Sozialisationsbedingungen für Kinder haben sich teilweise dramatisch verschlechtert. Kinder aufzuziehen, ist heute für Menschen, die Elternverantwortung übernehmen wollen, ein Armutsfaktor ersten Ranges. Keine Gruppe ist heute unter den Sozialhilfebeziehern so stark repräsentiert wie Kinder und Jugendliche.

Die Gesellschaft hat ein massives Interesse daran, daß das Aufziehen von Kindern in Zukunft sowohl in quantitativer Hinsicht zunimmt als auch sich in qualitativer Hinsicht verbessert. Vor diesem Hintergrund muß Abschied genommen werden von der Auffassung, Kinder zu haben und zu erziehen, sei reine Privatsache. Tatsächlich haben das wachsende quantitative Defizit an Kindern und die massiven Entwicklungsstörungen eines großen Teils der Kinder und Jugendlichen derart negative Auswirkungen auf die Gesellschaft heute und in Zukunft, daß Gesellschaft und Staat gut beraten sind, den Bereich von Familie und Kindererziehung immer stärker auch als öffentliches Gut wahrzunehmen und entsprechend (Mit-)Verantwortung für die Rahmenbedingungen, denen Familien bei der Kindererziehung unterliegen, zu übernehmen. Hinzu kommt, daß der Anteil der Frauen und Männer, die keine Kinder haben oder nur ein Kind aufziehen, in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zugenommen hat. Wenn die zukunftsnotwendige Aufgabe der Kindererziehung nur noch von einem kleiner werdenden Anteil der Bevölkerung unter z.T. großen Opfern erbracht wird, ist der Staat auch aus diesem Grund gut beraten, politische und finanzielle Verantwortung zu übernehmen.

Wenn das Aufziehen von Kindern immer weniger nur als Privatsache der Eltern angesehen wird, ist es an der Zeit, die Leistung der Humanvermögensbildung wahrzunehmen, die von den Familien im Zusammenhang mit der Kindererziehung – ob gewollt oder nicht – zugunsten der Gesamtgesellschaft erbracht wird. Entsprechend müssen die Familien als Leistungsträger wahrgenommen werden, die für Gesellschaft und Staat unverzichtbar sind und Anerkennung verdienen. Wenn wir dafür eintreten, daß Eltern eine Vergütung für ihre Erziehungs- und Familienarbeit verdienen, dann heißt das, daß für die Familien mit Kindern Leistungsgerechtigkeit eingefordert wird. Die gesellschaftlich relevante

 

Leistung des Aufziehens von Kindern ist bisher fast kostenlos vom Staat und der Gesamtgesellschaft angeeignet worden.

Ein Erziehungsentgelt oder Erziehungseinkommen würde zur Stabilisierung (und u.U. auch zu einer leichten Expansion) des Familiensektors beitragen. Eltern würden über mehr Wahlfreiheit bei ihrer Entscheidung über die Art der Erziehung verfügen. Der dringende Wunsch von Kindern und Jugendlichen – bekannt aus allen jüngeren Umfragen -, die Eltern sollten für sie mehr Zeit haben, könnte für sehr viel mehr Kinder in Erfüllung gehen. Ein Erziehungsentgelt, das deutlich über dem heutigen Erziehungsgeld liegen müßte, könnte auch erstmals für Väter ein Anlaß sein, vermehrt Verantwortung für die Kindererziehung in der Familie zu übernehmen, ohne diese Entscheidung mit erheblichen Einkommensverlusten bezahlen zu müssen.

Ein Erziehungseinkommen könnte ferner das Leben mit Kindern wieder attraktiver machen. Vor allem der Wunsch nach einem zweiten Kind, der heute bei allzu vielen im beruflichen Aufstiegskampf verloren geht, könnte doch deutlich häufiger umgesetzt werden, als es heute der Fall ist. Es ist falsch, wenn heutzutage behauptet wird, mit der Familienpolitik könne man praktisch demographisch nichts ausrichten. Dieser "Aberglaube" scheint auch in der Politik verbreitet zu sein. Dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man die nahezu ausschließliche Position des Faktors "Einwanderung" in der aktuellen demographischen Diskussion betrachtet. Tatsächlich zeigen aber Untersuchungen angesehener Bevölkerungswissenschaftler wie Prof. Birg u.a., daß selbst relativ geringfügige Veränderungen der Geburtenrate von z.B. 1,4 auf 1,6 Kinder pro Frau langfristig ganz erhebliche Auswirkungen auf den Bevölkerungsverlauf in Deutschland haben können. "In langfristiger Perspektive ist die Erhöhung der Geburtenzahl...der entscheidende Steuerungsparameter jeder Art von Bevölkerungspolitik" (Prof. Birg).